Nachbarschaft: Bauen in der Michelangelostraße

Das Bauprojekt Komponistengärten liegt in den letzten Zügen, in der Nachbarschaft wird jedoch ein Großprojekt mit ganz anderen Dimensionen geplant. Etwa 1500 neue Wohnungen sollen rund um die Michelangelostraße entstehen – und die Kritik von den Anwohnern ist groß.
Worum es geht
Immer mehr Leute kommen nach Berlin, von 2011 bis 2013 gab es laut Senat einen Nettozuzug von etwa 130.000 Menschen. Diese wollen irgendwo wohnen und das erklärte Ziel der Berliner Politik ist es, diese auch innerstädtisch unterzubringen. Daher werden im Stadtentwicklungsplan Wohnen 2025 potentielle Gebiete für Wohnungsbau aufgeführt.
Dort kommt zwar die Gegend um die Michelangelostraße nicht vor, dennoch wurde ein städtebaulicher Wettbewerb für dieses Gebiet initiiert. Dieser wurde von einem Hamburger Achitekten gewonnen, der sich nun um die weitere Planung kümmert.

© Senat Berlin
Es sollen etwa 1500 neue Wohnungen entstehen, dazu öffentliche Infrastruktur wie Plätze, eine Schule, eine Kita, Sporthallen sowie ein zusätzlicher Sportplatz. Auch Nahversorgungseinrichtungen sind geplant.
Gebaut werden soll zum Einen nördlich der Michelangelostraße, wo die Bestandsbauten durch Längsriegel entlang der Straße ergänzt werden sollen. Wo bislang große Durchgänge waren, werden Hinterhofsituationen geschaffen:


Auch der Parkplatz Gürtel-/Meyerbeerstraße würde wegfallen, der Bolzplatz würde durch Wohnbauten eingefasst (Achtung, bitte Glasversicherung abschließen).
Südlich der Straße würden die großen Grünflächen und Stellplätze durch 5-stöckige, ringartig angeordnete Neubauten ersetzt werden.



Letzte Woche fand nun eine Informationsveranstaltung in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg statt. Viele Anwohner kamen, die Stimmung war von Anfang an angespannt:
Die Argumente der Befürworter
Generell wird ein Neubaubedarf von etwa 140.000 Wohnungen in den nächsten Jahren angenommen. Erklärtes Ziel des Senates ist es, möglichst viel Wohnraum durch die städtischen Gesellschaften bzw. Wohnungsbaugenossenschaften zur Verfügung zu stellen.
Laut Pankows Baustadtrat Kirchner bietet sich das Gebiet vor allem an, weil es im Besitz des Landes sowie von Wohnungsbaugenossenschaften ist, sodass teure Grundstückskäufe wegfallen und die Gesellschaften günstigen Wohnraum anbieten können – günstig bedeutet allerdings Preise ab 8,50 Euro / m². Nur mit einer von Senatsbaudirektorin Lüscher in Aussicht gestellten Förderung könnten “teilweise” Mieten um 6-7 Euro / m² realisiert werden.
Sie führt auch an, dass die geplanten Längsriegel nördlich der Straße Lärmschutz für die dahinter liegenden Bauten bieten werden. Die neu geschaffenen Promenaden würden für eine gute Verbindung zwischen den vorhandenen Wohngebieten sorgen.
Abstandsflächen, Umweltverträglichkeit, Absprachen mit Leitungsinhabern (Vattenfall, Wasserbetriebe etc.) sowie der BVG würden in einem vertiefenden Verfahren geklärt. Frühester Baubeginn sei 2018.
Die Kritik der Anwohner
Die meisten der Teilnehmer lehnen die Pläne ab. Einige brachten zum Ausdruck, dass sie an der jetzigen Situation der lockeren Bebauung generell nichts ändern möchten, im Folgenden soll jedoch auf einige konkrete Kritikpunkte eingegangen werden.
Die Bewohner wurden nicht in die Wettbewerbsplanung einbezogen und fühlen sich dementsprechend überrumpelt. Überhaupt wurde die Einbeziehung von Mietervertretern und Genossenschaftsmitgliedern gefordert.
Es wird zu dicht gebaut, das ist Ghetto-Stil. Frau Lüscher meinte daraufhin, dieser Entwurf hätte eher eine geringe Dichte, diese sei mit den 5-Geschossern etwa so wie im Komponistenviertel.
Es werden teure Eigentumswohnungen gebaut. Laut Kirchner werden 90% der Wohnungen durch Genossenschaften o.ä. gebaut, also als Mietwohnungen. Ein paar “Bauträger für Wohnen mit besonderem Betreuungsbedarf” sollen aber auch zum Zug kommen. “Im Moment” seien keine privaten Bauträger und keine Baugruppen geplant. (Ich bin gespannt.)
Die Mieten werden steigen. Viele Anwohner äußerten die Sorge, dass durch den Zuzug in höherpreisige Wohnungen der Mietspiegel steigt und damit auch die Mieten im Bestand erhöht werden. Der Vertreter der Genossenschaft Zentrum erklärte, sie würden versuchen, die Mieten sozial zu gestalten. Die Vertreter der Politik hatten hier außer allgemeinen Floskeln nichts Beruhigendes vorzubringen.
Wo soll geparkt werden? Der Wegfall der Parkplätze ist ein großes Problem, bei diesem Thema wurde es zum ersten Mal sehr laut in der Kirche. Unter dem neu zu bauenden Sportplatz sei möglicherweise ein Parkdeck für etwa 420 Autos geplant (berechneter Parkplatzbedarf gesamt: 2.000; derzeit verfügbare Parkplätze laut eines Anwohners: 2.800), außerdem werden wohl Tiefgaragen entstehen. Die Anwohner befürchten sicher nicht zu Unrecht, dass diese Parkplätze dann nicht kostenlos sein werden. Für Unmut sorgte die Idee, Parkflächen im Mühlenkiez zu erstellen, da diese dort dann möglicherweise in den Innenhöfen entstehen könnten. Frau Lüscher meinte jedoch, hierbei handele es sich um ein Missverständnis, Parkplätze auf den Höfen seien nicht geplant.

Die unbefriedigende Parkplatzsituation wurden von den Vertretern der Politik zur Kenntnis genommen, im vertiefenden Verfahren würde das geklärt.
Es wird neue Infrastruktur geschaffen, die alte im Kiez verrottet. Während im Neubaugebiet neue Schulen etc. gebaut werden sollen, rotten Kitas und Schulen im Mühlenkiez vor sich hin:




Ein nachvollziehbarer Gedanke: Für die neuen Bewohner mit Geld schöne neue Gebäude, die Leute im bestehenden Kiez haben Pech gehabt. Warum saniert man nicht erst einmal die Gebäude dort?
Baustadtrat Kirchner gab zu, dass sich in den letzten Jahren die Verbesserung der Infrastruktur auf die Sanierungsgebiete konzentriert habe und es daher im Mühlenkiez Nachholbedarf gebe. Frau Lüscher erklärte, der Senat prüfe bis Sommer, ob Stadtumbaumittel für die Sanierung der öffentlichen Infrastruktur im Mühlenkiez bereitgestellt werden können.
Wo sollen die Buslinien ihre Endhaltestellen haben? Derzeit wird ein Teil der Fläche dafür genutzt:
Herr Kirchner meinte, die Buslinie 200 würde möglicherweise über die Ostseestraße Richtung Prenzlauer Promenade verlängert, wo es bereits einen Endhaltepunkt gäbe.
Die Grünflächen fallen weg. Wohnen vs. Grün, das sei ein Zielkonflikt, meinten sowohl Lüscher als auch Kirchner. Im Entwurf gäbe es genügend Grünflächen von hoher Qualität. (Nun muss man aber auch sagen, dass die Grünflächen an der Straße tatsächlich so ziemlich keine Aufenthaltsqualität haben. Dort sind auch nie Leute, außer wenn sie mit ihrem Hund Gassi gehen.)
Fazit
Dieses Verfahren wird unsere Nachbarschaft über die nächsten Jahre beschäftigen. Die Fronten scheinen verhärtet – zum Einen, weil einige Bewohner den Status Quo nicht verändern wollen, zum anderen aber auch, weil die Vertreter von Senat und Bezirk keine überzeugenden Antworten auf viele der Kritikpunkte haben. Zudem gibt es ein nachvollziehbares Misstrauen der Bewohner gegenüber den Politikern.
Auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass sich dieses Gebiet für Wohnungsbau sehr gut eignet, muss der Beweis dafür, dass hier wirklich sozialverträglich gebaut werden soll, noch angetreten werden.
Weiterführende Links
Senat: Wohnen in der Michelangelostraße – umfangreiche Informationen zum Wettbewerb, inklusive Ausschreibung und Protokoll der Sitzungen
Frank Goerge: Berlin Michelangelostraße – Seite des Preisträgers
Michelangelo-Protest – Protestseite von Anwohnern
Bürgerversammlung Michelangelostraße: Tausendmal NEIN – Artikel der Prenzlberger Stimme




Leave a Reply